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43 Min., die mein Leben veränderten


Wie mir einmal eine Tochter unverhofft in den Schoß fiel

Der Plan war gut – und bewährt: Wie zuvor schon mein Sohn Anton, so sollte drei Jahre danach auch meine Tochter Mimi im Münchener Geburtshaus auf die Welt kommen. Kaum zwei Kilometer trennen uns von diesem Ort, an dem man in einer sehr schönen Umgebung unter Betreuung ausgezeichneter Hebammen sein Gebärwerk vollenden kann. Alles war bestens eingerichtet: Die Tasche gepackt, die Omas gebrieft, der errechnete Geburtstermin bekannt.

Mittags, an einem regnerischen Sommertag war die Welt noch in Ordnung. Doch am frühen Abend, ich saß noch wenige hundert Meter vom Geburtshaus entfernt im Büro, erreichte mich der Anruf, dass wohl so etwas wie Wehen eingesetzt haben. Da war es 18:00. Um 18:01 saß ich in meinem gepflegten, aber alten Mercedes 190D – einem Auto, das bekanntermaßen niemals den Dienst verweigert. Da rief bereits unsere Freundin Elfi, die mitsamt eigenem Säugling zu Besuch war, auf dem Handy an, um mitzuteilen, dass ich mich besser beeilen solle. Ich drehte, nun schon ein wenig nervös geworden, den Zündschlüssel um, woraufhin das Auto ... gar nichts machte. Auf dem Weg zum Taxistand erhielt ich einen Anruf dergestalt, dass ich mich nun schon ein wenig beeilen müsse. Da war es 18:04. Ich tat wie mir geheißen, erklomm das Taxi und bereitete den Taxifahrer schonend darauf vor, dass er nun etwas vor sich habe, was vielleicht nur einmal im Leben eines Taxlers vorkomme, in der Regel aber wohl eher nie oder halt in Spielfilmen: Die Fahrt einer Frau in den Wehen – mit wehenden Fahnen – und die Sorge, dass ein neuer Erdenbürger ausgerechnet im Wagen dieses Taxifahrers das Licht der Welt erblicken würde. Der Taxifahrer reagierte gefasst und fuhr erstaunlich schnell an. An der ersten Kurve erspähte ich die Hebamme Eva, die – wohl bereits alarmiert – schnurstracks in Richtung Geburtshaus stolzierte. Da war es 18:10. Ich war zufrieden. „Klappt wie am Schnürchen“, dachte ich, „die Hebamme ist schon dort, wenn wir in wenigen Minuten ankommen!“. Doch viel schlauer wäre es gewesen, die Gute bei der Hand zu nehmen und in das Taxi zu bugsieren, hätte ich doch nur im mindesten geahnt, was mir gleich blühen würde....

Zu Hause angekommen versperrte uns ein weiteres Taxi den Weg, darinnen meine Mutter, die wie vereinbart zum Ort des Geschehens geeilt war. „Klappt wie am Schnürchen“, dachte ich abermals und schaffte dem Taxifahrer an, zu warten, bis ich mit der Mutter meiner Kinder die Fahrt zum Geburtshaus antreten würde. Um 18.19 sprang in die Wohnung, ergriff als Erstes die Geburtstasche mit allem, was man so braucht und den ganz wichtigen ersten Klamotten für das Neugeborene drinnen, und schob dann den Maxicosi-Autositz samt Neugeborenen-Nestchen in Richtung Türe. Reine Routine, denn bei der Geburt unseres Sohnes haben wir es genauso gemacht. 18:21: Alles startklar. Die Tasche warf ich in den Fonds des Taxis, das mit laufendem Motor wartete, und machte mich auf, das letzte Glied einzupacken: Die werdende Mutter.

Doch dabei musste ich erkenne, dass ich die Rechnung ohne die Wirtin gemacht hatte. Und die Wirtin war meine Partnerin. Ich fand sie in bedrohlich erdnaher Lage in Antons Kinderzimmer – auf allen Vieren und schwer wehenveratmend. Beim Versuch, ihr einen Schuh anzuziehen, musste ich erkennen: Diese Geburt wird nicht im Geburtshaus stattfinden, sondern hier im Kinderzimmer. Da war es 18:24.  Nun begann die ganze Veranstaltung kurzfristig aus dem Ruder zu laufen... während ich schon zurückeilte, um nun meinerseits die Leute vom Geburtshaus zur Eile anzuhalten – und ihnen die kleine Programmänderung mitzuteilen, dass wir spontan auf Hausgeburt umgebucht hatten, konnte man bereits den (später sich als schlau herausstellenden) Kopf meiner Tochter ansatzweise bewundern. Da war es 18:32. Mit im Zimmer waren Elfi und ihre sechs Monate alte Tochter Emily. Doch ich hatte noch einen Sohn, und den habe ich im Trubel ein wenig aus den Augen verloren. Plötzlich sah ich ihn Gott sei Dank in Begleitung meiner Mutter wieder, die – wie sie Jahre später zugab, hochgradig angespannt war – mit Anton den Plan erarbeitet hatte, sich derweil wohl besser ins Wohnzimmer zurückzuziehen. Ich warf ihm noch einen Satz zu wie „Anton, mach Dir keine Sorgen, is’ nur ´ne Geburt.“ Oder so ähnlich. Der Dreijährige antwortete gelassen: „O.K. Ich geh mit der Oma ins Wohnzimmer und esse meine Nudeln.“ Ein guter Mensch, dieser Anton.

Der Rest des Teams wurde auch langsam nervös, denn ich kniete mittlerweile hinter meiner Frau, bereit meine Tochter aufzufangen. Aber noch war weit und breit keine Hebamme zu sehen. Elfi rief daher vorsorglich den Notarzt samt Kindernotarzt, den man in solchen Fällen ja gut gebrauchen kann. Da war es 18:42.

Schließlich kamen auch alle: Die Hebammen aus dem Geburtshaus, der Notarzt, der Kindernotarzt. Doch zuerst einmal kam ... meine Tochter. Um 18.43 glitt sie mir nach ungefähr einer Presswehe sanft und engelsgleich in die Arme. Leider war ihre Nabelschnur ein wenig kurz, mit der Folge, dass ihre Mutter sie nicht richtig anschauen konnte. So knieten und lagen wir da zu dritt – mit noch einem Baby und Elfi, die sich um alle nun erforderlichen Gegenstände bestens kümmerte, in Antons Kinderzimmer. Ich ließ mir warme Handtücher und Decken bringen, auf dass Mimi sich nicht erkälte. Da klingelte der Notarzt und beschwerte sich sogleich, dass ein Taxi die Zufahrt blockiert halte. „Mein Taxi“, dachte ich. Denn siedend heiß fiel mir nun ein, dass draußen immernoch das Taxi wartete. Meine Mutter eilte hinaus, um den Taxifahrer zu erlösen, gab ihm ein fürstliches Trinkgeld und rannte zurück. Noch siedend heißer fiel mir danach ein, dass die wertvolle, alles enthaltende Tasche auf dem Rücksitz des Taxis lag. Gerade noch konnte meine Mutter den Fahrer stoppen und ihm das Heiligste entreißen... Da war es 18.52.

Um 18:59 betrat eine Notarztwagen-Besatzung das Geschehen: Zwei Männer und eine Frau. Die Dame war der Situation psychisch nicht gewachsen und es entfuhr ihr: „Hier geht’s ja zu wie im Wilden Westen!“ Das mag zwar inhaltlich korrekt sein, dachte ich mir, obgleich ich nie einer Geburt im Wilden Westen teilhaftig geworden bin, aber ich habe mir diese Szene ja nicht etwa ausgedacht, sie ist halt so passiert. Wildwestlich war ihre nächste Reaktion: Sie hieß den Zivi, heiße Decken zu besorgen. Wahrlich ein Wildwestmotiv, dieses: Denn außer in den einschlägigen Filmen habe ich nie vom Einsatz heißer Tücher bei einer Geburt gehört. Wer weiß, wofür die notwendig sind? (Kleiner Exkurs: Ebenso schleierhaft war mir der Einsatz des berühmten heißen Wassers, das in fast allen Spielfilmen vorkommt, denen eine Geburt ins Drehbuch geschrieben wurde. Ich frug meine Hebamme, ob sie mir diesen Topos erklären könne. Und sie sagte: „Ja klar. Heißes Wasser bestellt die Hebamme, damit der Mann etwas zu tun hat.“ Ich liebe Hebammen.)

Dann begann meine schwierigste Mission, denn ich verspürte den inneren Auftrag, die Geburt, die zu Hause begonnen hat, auch zu Hause vollenden zu wollen. Notärzte hingegen haben den Auftrag, alles was sich bewegt oder nicht mehr bewegt umgehend ins Krankenhaus zu schaffen. Gegenteilige Ziele also. Ich hielt meine muntere Tochter, die schon allerhand vergnügliche Lebenszeichen von sich gegeben hatte, im Arm und wartete eigentlich auf jemanden, der bitte die recht kurz geratene Nabelschnur durchtrennen möge. Doch der Notarzt hatte andere Pläne. Er wollte uns samt und sonders abtransportieren, worauf ich eine kurze aber flammende Rede hielt, um das nervöse Medizinervolk zu beruhigen: „Keine Sorge, is’ nur ´ne Geburt. Uns geht’s allen gut und ich würde es super finden, wenn Sie jetzt die Nabelschnur abtrennen könnten, bitte. Es besteht gar kein Grund zum Verlegen, klappt ja alles wie am Schnürchen“, so oder so ähnlich mag mein Text wohl gewesen sein. Da wurde der Arzt böse und frug mich schnippisch: „Sind Sie Gynäkologe?“ „Nein“, antwortete ich, „und Sie?“

Natürlich war er auch keiner. Wäre ja auch ein zu dummer Zufall gewesen.

Als nächstes traf der Kindernotarzt ein – da war es 19:05. Und hier beginnt mein Lob, denn der war wirklich cool und hat mit mir ganz normal gesprochen, ich erklärte was wir wollen und was nicht, er verstand das, begann mit den kleinen Untersuchungen, und... nabelte nun endlich meine Tochter ab. Wir waren alle drei sehr begeistert, denn ich habe bestimmt bereits erwähnt, dass die Versorgungsleine recht kurz ausgefallen war. Des Kindernotarzts großer Verdienst war neben dem Abnabeln, dass er die Notarztwagenbelegschaft verscheuchte. Doch bevor dies geschah, kamen um 19:10 die Hebammen.

Zur Übersicht: In diesem Zeitpunkt waren zwei Taxifahrer, Elfi und Emily, meine Mutter, mein Sohn, meine Frau, meine gerade geborene Tochter, ein Notarzt-Team, ein Kindernotarzt und zwei Hebammen zugegen – und obendrein noch ich selbst zugange, die meisten von denen in und um das kleine Kinderzimmer herum - insgesamt also 15 Menschen. Dazu zwei Krankenwägen und zwei Taxis – in der kleinen Zufahrtsstraße ging nichts mehr. Die Geburt drei Jahre zuvor hatte ich heimeliger in Erinnerung....

Langsam leerte sich nun die Wohnung. Mutter und Kind waren glücklich nebeneinander und nicht mehr hintereinander auf dem Boden gebettet, die Hebammen begannen in der Küche mit dem Papierkram, alle Notärzte waren weg, da ging ich los, um meinem Sohn die frohe Kunde zu tun, dass er nun eine Schwester habe und frug, ob er diese vielleicht angucken kommen wolle. Lakonisch wie stets war seine Antwort: „Gleich, Papa. Ich esse nur meine Nudeln fertig.“

Gegen 21:00 klingelte es – und zu meiner nicht überaus angenehmen Überraschung stand der Notarzt abermals vor der Tür. Er hatte sein transportables EKG-Gerät bei uns stehen lassen.

Damit endete ein anstrengender Tag, den ich trotz aller Aufregung nicht missen möchte und ganz sicher nie vergessen werde....

Gerd Reger, puls entertainment

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